Im Netzwerk Die Sportpsychologen haben wir eine Rubrik, die es dir als Sportler ermöglicht, sportpsychologische Fragen zu stellen, die wir dann anonym beantworten, so dass jedem die Antwort zugänglich ist und du dir deine Anregungen mitnehmen kannst.

Diesmal eine Frage zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Eine Anfrage einer Leichtathletin aus dem Bereich des Leistungssports: Sie erlitt im vergangenen Jahr einen Muskelfaserriss und zerrte sich nun an der gleichen Stelle. Wenige Trainingseinheiten später hat sie sich erneut an der gleichen Stelle gezerrt. Die Angst vor weiteren Verletzungen lässt sie seit dem vergangenen Jahr nicht mehr los. “Wie lässt sich diese Furcht überwinden?”

Antwort von: Maria Senz (zum Profil)

Liebe Sportlerin,
Leichtathletik ist ein so schöner (Draußen) Sport, umgeben von einer traumhaften Kulisse. Ich kriege immer wieder Gänsehaut, wenn ich ein Leichtathletik-Stadion betrete. Im Rahmen dieser wundervollen Umgebung gehst du deiner sportlichen Leidenschaft nach – dem Sprint. Aktuell scheint diese Leidenschaft von einer Verletzung ausgebremst zu sein und dein Geist reagiert mit Angst, was sich auf deinen Körper überträgt. Vermutlich gehst du in unbewusste Schonhaltungen über, was dazu führen kann, dass deine gewohnte und benötigte Erwärmung/Technik unvollständig ausgeführt wird und somit Zerrungen die Folge sind.
Um deine Angst Stückchen für Stückchen im Kopf zu lösen, so dass auch dein Körper wieder in seine ursprüngliche Bereitschaft zurückkehren kann, ist ein erster Schritt deine Angst zu verstehen und zu akzeptieren. Denn erst, wenn wir Dinge akzeptieren, sind wir in der Lage, diese auch loszulassen. Angst ist ein wichtiger Begleiter, der uns schützen möchte – Schützen vor Gefahren.
Für eine bessere Nachvollziehbarkeit möchte ich dir eine mögliche Auswirkungskette aufzeigen, die durch Angst ausgelöst werden kann: aus der Angst heraus kann sich Unsicherheit nähren. Unsicherheit, die vermutlich in deine Sprinttechnik einwirkt und dich anders Sprinten lässt, als dein bekanntes Sprinten. Das wiederum löst Frust bei dir aus, da du deine gewohnte und verlässliche Technik nicht abrufen kannst. Du setzt dich unter Druck. Diese Art Druck ist ein hinderlicher Begleiter, der vermutlich deine Anspannung hervorruft. Diese Anspannung lähmt zusätzlich deine körperliche Bewegung, so dass deine Technik weiter in Mitleidenschaft gezogen wird. In Summe ein Chaos, was neuerliche Verletzungen vorprogrammiert.
Wie also nun aus diesem Dilemma entfliehen, um entspannt den Sport auszuführen?
  1. Deine Angst hast du bereits erkannt. Nun fang an, mit ihr zu kooperieren und sie für dich zu nutzen, indem du mit ihr ins Gespräch gehst (= Akzeptanz): “Hallo Angst, schön, dass du da bist und auf mich aufpassen möchtest. Gleichzeitig möchte ich dich heute bitten, dass ich die Führung übernehme und du als stille Beobachterin von der Tribüne aus zu gucken darfst.” Symbolisch/gedanklich platzierst du sie auf die Tribüne. – Effekt: du übernimmst und delegierst die Angst (vorher war es vielleicht umgekehrt).
  2. Mach die Unsicherheit zur Sicherheit: was gibt dir Sicherheit in deinem Sport/was davon hast du selber in der Hand? Zum Beispiel deine Schuhe, deine Kleidung, dein Ziel, der Untergrund, das Stadion, die Abläufe beim Sprint, die Technik in ihren einzelnen Mini-Schritten, Armband/Kette/Talisman mit denen du Stärke oder ähnliches verbindest,…
  3. Mach aus dem Frust Verständnis. Verständnis für deine Situation, dass deine Verletzung noch etwas Zeit braucht und du ggf. ein paar Trainingsschritte zurück gehst. Erinnere dich an einen Trainingsstandpunkt, wo deine Messlatte niedriger lag. Steige genau dort ins Training ein, so dass Trainingserfolge für dich realistisch werden. Freude und Zuversicht werden möglich.
  4. Druck erzeugt meist Gegendruck, allein schon aus der Physik heraus. Der Druck kommt daher, dass du aktuell deine Leistung nicht abrufen, mit deinem Wissen, dass diese Leistung möglich ist. Du möchtest also unbedingt diese Leistung abrufen. Das alles passiert auf der geistigen Ebene. Dein Körper allerdings ist noch auf einem anderen Level. Versuche also deine Gedanken zu steuern, so dass aus dem Druck ein Sog wird. Vielleicht in etwa so: “Ich weiß, dass ich es kann und die Leistung möglich ist. Ich weiß, wo ich wieder hin möchte und was ich erreichen kann. Das motiviert mich, in kleinen Schritten in diese Richtung hinzuarbeiten.
  5. Und wenn du anfängst, die Schritte eins bis vier mit Geduld auszuprobieren und erste Fortschritte spürbar werden, dann kommt deine gewünschte Entspannung wie von selbst zurück.
Das ist eine mögliche Vorgehensweise für dich. Probier es aus, sei geduldig mit dir, erlaube dir Übung, Wiederholung, Anpassung und vor allem Freude beim Training.

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