Thanks to Charles Deluvio

Als Mitglied im Netzwerk der Sportpsychologen habe ich neben regelmäßigen Supervisionen und Fortbildungen auch die Möglichkeit Blog-Beiträge zu schreiben. Und das macht mir richtig Spaß. Ein Thema, das mich brennend interessiert und das Sportler vermutlich aktuell extremst bewegt, ist das Thema: Unsicherheit Olympia.

Von der Perspektive Wie sich Athleten auf die Durchführung der Olympischen Spiele vorbereiten können, habe ich dir bereits in meinem Newsletter erzählt. Nun möchte ich dir von der anderen Seite der Medaille erzählen – Wie sich Athleten mit der Absage von Tokio 2021 abfinden können:

Es gibt Sportlerinnen und Sportler, die gerade erst die Füße in den Startblock ihrer Karriere setzen und für die eine Absage der Olympischen Spiele in Tokio eine Chance für weitere drei Jahre intensive Trainingsvorbereitung auf Paris 2024 ist.

Und es gibt Sportlerinnen und Sportler, für die die anstehenden Olympischen Spiele die einzige Chance ist, den ganz persönlichen Highlight-Erfolg zu erzielen. Für diese Kategorie ist eine Absage das Ende der Sportlerkarriere auf Weltniveau: die Olympischen Spiele – DAS internationale Ereignis, wo sich die Welt-Elite der Sportler trifft, um gemeinsam gegeneinander anzutreten.

Ein Gedankenexperiment

Mittels eines Gedankenexperiments habe ich mir Einlass in den Kopf genau dieser Sportlerinnen und Sportler gewährt und mich in ihre Lage versetzt, um Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie geht es dir und welche Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn du in den August 2021 blickst und eigentlich mit einer olympischen Medaille um den Hals deine Karriere beenden wolltest?

Eine Antwort auf diese Fragen ist sicher alles andere als leicht – ich bezeichne sie als approximative Antwort: Die Gedankenreise beginnt mit wütenden Fragen wie: “Wofür war dieser ganze Aufwand, wofür diese Zeit, wofür diese sinnlose Investition? Denn da am Ende des Tunnels ist leider kein Highlight mehr, keine olympische Medaille für mich. Da ist erstmal genau gar nix – es fühlt sich leer an. Die ganze Zeit war ich besessen von diesem Fokus. Mein Blick war beseelt von diesem Feuerwerk, dem Olympischen Feuer, was mich erwartet, wenn ich auf diesem Treppchen stehe. Und jetzt ist nichts mehr am Ende des Tunnels, es fehlt der Boden unter meinen Füßen. Dennoch bin ich mutig und gehe einen Schritt nach vorne. Ich falle… nach unten – immer tiefer. Und während ich so falle, frage ich mich, wie lange ich noch falle, bis mich etwas oder jemand auffängt? Dieser jemand bin wohl ich selbst. Ich erahne ein Gefühl eines Fallschirms an mir, der irgendwann aufgeht und mich mit beiden Füßen auf den Boden bringt. Das ist definitiv mein erster Fallschirmsprung und je nachdem, wie sanft diese Landung ausfällt, rapple ich mich auf und schaue mich in Ruhe um, da, wo ich gerade gelandet bin. Was ist da? Wer ist da? Welche Optionen gibt es? Und was habe ich bereits im Gepäck? Die ganzen Jahre zuvor: Trainieren, Disziplinieren, Motivieren, Fokussieren, Akzeptieren, Tolerieren begleitet von Willensstärke, Ehrgeiz, Talent, innerlichen Antrieb und selbsterreichbaren Zielen. All das trage ich nun in meinem Rucksack. All diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle habe ich jetzt immer bei mir. Das kann mir niemand nehmen, auch nicht die Absage der Olympischen Spiele. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Genau diese Kostbarkeiten kann ich nun in unterschiedlichen Situationen abrufen und einsetzen. Gleichzeitig stabilisiert mich dieser kostbare Rucksack, so dass ich gefestigt stehe und nach vorne blicke. Ich bin in der Lage neu zu fokussieren und ich sehe Nebel mit punktuell farbigen Elementen, wie Konfetti als Zeichen für Neues, Zuversicht, Vertrauen, das mich befähigt, loszugehen – wenn auch im Schneckentempo, denn der Rucksack ist prall gefüllt. Und irgendwie tut das Langsame gut. Kleine, wachsame Schritte in Richtung Neues. Ich weiß, der Nebel wird sich irgendwann legen (das ist einfach schon mal in der Natur der Sache), die Sicht wird freier und das Ziel klarer. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Zuversicht beginnt, sich in mir auszubreiten. Ein schönes Gefühl.”

Thanks to Kamil Pietrzak

Der freie Fall ist für mich eine sehr wertvolle Erfahrung, der meine Gedanken beflügelt, Ideen aktiviert und mich in Bewegung bringt.
Je länger der freie Fall andauert, desto klarer werden die Gedanken und desto stabiler der Stand beim Ankommen.

UND WAS MACHST DU SO IM FREIEN FALL?

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