Systemmangel oder Unsicherheit

GEWINNEN BEGINNT IM KOPF

Eine im Sport weit verbreitete Theorie: Ein Spiel wird im Kopf entschieden. Wenn dem so ist, wozu liegt der Trainings-Fokus in der Praxis dann nach wie vor auf Technik, Taktik und Athletik? fragt sich Maria Senz und nähert sich der Hypothese Systemmangel oder Unsicherheit.
Bald ist es wieder so weit: Im Juli performt die Sport-Elite bei den Olympischen Sommerspielen und die Welt blickt nach Paris. Mein persönliches Highlight: Beachvolleyball im olympischen Sand, direkt am Fuße des Eiffelturms. Dabei ist die technische, taktische und athletische Performance bei allen Teams ähnlich leistungsstark. Entscheidend ist die mentale Performance. Dieses Phänomen ist ebenso auf andere Sportarten übertragbar.
EIN PAAR WORTE ZUR STATISTIK
Leider liegen über die Nutzung sportpsychologischer Angebote in Deutschland noch wenige Studien und Daten vor. Einen ersten Einblick bietet der Artikel Nutzung sportpsychologischer, psychotherapeutischer und psychiatrischer Angebote durch deutsche Kadersportlerinnen und -sportler in der Zeitschrift für Sportpsychologie [Vol. 23, No. 4, S. 121–130, Autoren: Jeannine Ohlert, Marion Sulprizio, Thea Rau], veröffentlicht im Mai 2017: Von insgesamt 1.598 Rückmeldungen gaben 47,7% an, im Leben bereits einmal auf sportpsychologische Betreuung zurückgegriffen zu haben. Die Teilnehmenden waren deutsche A, B, C, D-Kaderathleten (m/w) ab 16 Jahren, aus 128 verschiedenen Sportarten, auf 57 Sportverbände verteilt. Welcher Anteil davon auf Beachvolleyball fällt, bleibt unbeantwortet. Und wie sich die heutige Nutzung – sieben Jahre später – aufteilt, ist neu zu analysieren.
DIE SITUATION
„Soll ich dir was mitbringen, wenn ich dir das nächste Mal durch den Kopf gehe?“ Gemeint ist im übertragenen Sinne, dass der Mitspieler, der Gegner, das Publikum, Entscheidungen des Schiedsgerichts oder sonstiges Umfeld die Gedanken des Athleten während eines Spiels beeinflusst. Wenn dieser Zustand eingetreten ist, beginnt ein zusätzlicher Energieaufwand das Spiel zu gewinnen. Der Athlet leistet neben den physischen Anstrengungen mindestens genauso intensiv psychische Anstrengungen. Denn das Außen hat es geschafft, den Athleten in seinem Inneren zu verunsichern: in seiner Performance und seinem Selbstwert.
SYSTEMMANGEL ODER UNSICHERHEIT?
Nähern wir uns einer möglichen Antwort auf die Hypothese Systemmangel oder Unsicherheit: Es hat den Anschein, dass ein Vereins-System aus Trainerteam, Teammanager, Vereinsmanager fest daran glaubt, dass das Abrufen der Leistung im entscheidenden Moment durch unendliches Balltraining kombiniert mit Athletik und Taktik maßgebend ist. Vielleicht aus dem Grund, weil es messbare und direkt sichtbare Kenngrößen sind. Ein Pfund in der Hand, das Daten und somit Sicherheit überträgt. Die Praxis scheint (noch) an der Theorie zu zweifeln, dass ein Spiel im Kopf entschieden wird. Oder schürt das Unwissen im Vereinsteam über mögliche Stellrädchen im Kopf die Unsicherheit? Auf der anderen Seite ist ein Athlet ein Mensch. Ein Mensch mit einzigartiger Persönlichkeit und Emotionsvielfalt. Diese verdienen einen lebenswerten Umgang im System Leistungssport. Ein System, das an Offenheit für Veränderung mangelt. Ein System, das eine Generalüberholung in Strukturen & Prozessen benötigt. Ein System, das eine Revolution im Trainingsstil fordert.
Der primäre Fokus auf Technik, Taktik & Athletik zeigt sich im Sand. Die meisten Teams spielen den klassischen Beachvolleyball aus Annahme-Zuspiel-Angriff. Konventionell und eher langweilig. Jedes Team ist auf diesen Stil trainiert und vorbereitet. Wie gut ist meine Annahme, mein Zuspiel, mein Angriff. Eine Form der Perfektionierung, die Spieler verbittert. So, dass sie sich dabei selbst im Weg stehen. Gelähmt in Kopf und Körper. Erkennbar an der angestrengten, steifen, beziehungslosen Körperhaltung. Der Geist scheint vom Körper separiert und Es funktioniert einfach nur.
Was den meisten Athleten fehlt, ist das Wahrnehmen ihrer Einzigartigkeit. Das, was ihren unvergleichlichen Beachvolleyball-Stil besonders macht. Ein Mix aus witzig, pfiffig, kreativ und mutig. Ein Stil, unvorhersehbar und überraschend, der in cleveren Spielzügen überzeugt. Motiviert den Athleten, das Publikum und auch die Punkteskala. Schweden, Brasilien, Cuba bringen Teams hervor, die einfach Bock auf Beachvolleyball haben. Sie sind on-fire. Sie wühlen sich locker und frei durch den Sand – nahezu tänzelnd. Und genau da kommen die Systemstrukturen kombiniert mit dem Trainingsstil ins Spiel: ganzheitliches Wachstum beginnt mit dem Zusammenspiel aus (1) Entfalten und Optimieren des Leistungspotenzials, (2) Entfalten der Persönlichkeit und (3) Raum für psychisches Wohlbefinden. Im Ergebnis eine Choreografie mit individueller Eleganz und Tiefgang.
DER KOPF SPIELT MIT
Gehen wir einen Schritt zurück: Was bedeutet eigentlich, ein Spiel wird im Kopf entschieden? Dass ein Spiel gewonnen wird, beginnt im Kopf. Der Athlet hat eine konkrete Vorstellung und nimmt damit eine innere Haltung ein – sichtbar in Körper und spürbar im Geist: ich will und ich werde das Spiel gewinnen. Sobald Zweifel, Hadern, Angst sich einmischen, gerät das Konstrukt ins Wanken. Und die mischen sich genau dann ein, wenn zum Beispiel der Gegner die Chance hat, den Athleten zu triggern. Mit Trigger sei an dieser Stelle gemeint, dass durch einen Schlüsselreiz ein geschwächter Punkt beim Athleten aktiviert wird. Dadurch erlebt er blitzartig ein vergangenes Ereignis oder einen früheren Gefühlszustand intensiv wieder. Das kann schlimmstenfalls zu Handlungsunfähigkeit führen.
Wenn der Gegner (oder anderes am Spiel beteiligte) es schafft, den Athleten verbal oder non-verbal zu triggern, ist die Folge beim Athleten: Stress. Das System des Athleten reagiert und mündet häufig in mentale Instabilität. Ein Mangel im Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstwert.
Dieser Stress bestimmt wesentlich:
  • wie sich der Athlet in dieser Situation verhält
  • wie sich der Athlet in dieser Situation fühlt
  • welchen Status und Selbstwert sich der Athlet in dieser Situation zuschreibt
Wirkung im Kopf, sichtbar im Körper: dieser Stress schürt Zweifel, gut genug zu sein. Dieser Stress bewirkt Hadern mit jedem weiteren Fehler. Dieser Stress fördert Angst zu versagen. Dieser Stress macht den Athleten klein, verletzlich und im Sand versinkend. Kontrollverlust. Der Athlet lässt sich (ver-)führen, statt selber zu führen. Dieser Stress blockiert: Bewegungsabläufe, Denken und Lösungsfindung.
Um diese Blockade nachhaltig zu lösen, ist der Mangel im Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstwert aufzufüllen. Ein Prozess, der mit der Analyse der eigenen Stellrädchen im Kopf beginnt. Stellrädchen, an denen der Athlet selbstwirksam drehen kann:
  • gut sein wollen
  • gut gefunden werden wollen
  • Fehler vermeiden wollen
  • Angst zu verlieren
  • Angst zu versagen
Spürt der Athlet, welche Stellrädchen in der Situation bei ihm aktiv und welche inaktiv sind, ist er inmitten der Selbstführung. Alle inaktiven bergen wertvolle Ressourcen. Mit Ressource sei an dieser Stelle der Ursprung an Kostbarkeiten gemeint, die der Athlet aus sich heraus aktivieren kann, um Hürden zu bewältigen, Blockaden zu lösen oder spezifische Handlungen umzusetzen. Am Beispiel: Wenn dem Athleten in der betrachteten Situation Fehler vollkommen egal sind, somit Fehler vermeiden wollen inaktiv ist, kann Risikofreude, Mut oder Neugier als innere Ressource freigesetzt werden. Das spiegelt sich in kreativen und cleveren Spielzügen wider, die das Publikum feiert und die Punkteskala in die Höhe treibt. Dadurch wird Erfolg direkt spürbar. Motivation breitet sich aus und trägt den Athleten durchs Spiel. Alles ist nun möglich.
VISION: SELBSTFÜHRUNG
Stellen wir uns vor, der Athlet ist bereits auf derartige Situationen vorbereitet: er kann den Stress mittels der Stellrädchen reduzieren. Er hat Möglichkeiten, mit dem Stress umzugehen. Er kann lernen zu regulieren und zu steuern. Er kann lernen, sich selbst zu führen. Nils, Clemens, Cinja und viele weitere Athleten nehmen ihre Persönlichkeit mit Ecken, Kanten, Stärken und Ressourcen wahr. Sie sind in der Lage situativ und eigenständig Lösungen abzurufen – mittels ihrer Selbstführung [siehe Bilder-Links 1-3, Seite 5].
All das wird möglich, wenn das System sich öffnet und eine andere Sichtweise einnimmt – sich als ein (skalierbares) Geschäftsmodell versteht. Ein Geschäftsmodell mit einer konkreten Leistungserfüllung, passenden Aktivitäten, Ressourcen, Netzwerkpartnern für eine Zielgruppe, deren Bedürfnisse gehört und erfüllt werden möchten. Basierend auf einer ausgewogenen Einnahmen- und Ausgabenstruktur. Ein System mit Struktur und Prozessen. Ein System mit einem revolutionierten Trainingskonzept. Ein System, das Mentaltraining auf gleiche Stufe wie Technik-, Taktik- und Athletiktraining stellt, unabhängig vom Leistungslevel. Ein System mit Werten, einer Philosophie und einer Vision. Und vielleicht wird dann aus der vermeintlichen Unsicherheit eine Überzeugung, die in Sicherheit übergeht – mittels Selbstführung im Verein.
Abschließend noch ein kleiner Lichtblick: Dass der Kopf eine zentrale Rolle im Erbringen und Abrufen von (Höchst-)Leistung spielt, scheint im Nachwuchskonzept im Beach-Volleyball 2021-2024 vom DVV mit Stand November 2019 verankert. Wie das in der Praxis umgesetzt wird, bleibt zu analysieren.

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